Reinhardt Engert war bei der WM im Wintertriathlon in Andorra dabei und konnte erneut aufs Podium fahren.

Er stellte sich danach bereit zu einem Interview:

Frage:

Herr Engert, Sie waren bei einer Weltmeisterschaft im Wintertriathlon zum wiederholten Male erfolgreich. Was macht für Sie die Faszination Wintertriathlon im eigentlichen Sinne aus?

Engert:

Der Triathlonsport teilt sich in jüngster Zeit in 3 Kategorien auf. Während der Sommertriathlon durch die internationalen Erfolge Deutscher Athleten schon lange boomt, kommt  Wintertriathlon und neuerdings noch der X-Terra Cross-Triathlon dazu. Im Sommer sind es mit Schwimmen, Radfahren und Laufen 3 Sportarten, die unterschiedlicher nicht sein können.  Es gibt Sprint, Olympische, Mittel- und Langdistanzen (Ironman). Bei X-Terra  finden Radfahren und Laufen in sehr schwierigen und anspruchsvollen Gelände statt. Im Winter sind auf Grund des hohen Schwierigkeitsgrades der Bedingungen im Hochgebirge die Distanzen kürzer. Die Profiathleten sollten in der Regel nicht länger als 1:30 Stunden unterwegs sein. Die Agegrouper brauchen abhängig vom Leistungszustand etwas länger. Obwohl ich eigentlich gelernter Mittelstreckler bin, (800 m, 1 500m, 3 000m)  habe ich mich zu DDR Zeiten schon mit Triathlon beschäftigt und war beim ersten IRON Man mit dabei, den wir damals auf Grund der politischen Situation illegal durchgezogen haben. Da ich im Schwimmen aber bald an meine Leistungsgrenzen ohne Aussicht auf Steigerung stieß, habe ich mich wieder verstärkt der Leichtathletik gewidmet. Als es dann vor etwa 20 Jahren im Wintertriathlon die ersten Wettkämpfe (WM, EM, Welt-Cups und Deutsche Meisterschaften)  gab, bin ich dort ohne Erfahrung eingestiegen. Die 3 Disziplinen Laufen, Mountainbiken und Skilanglauf waren mir aber auf den Leib geschneidert. 2005 bei meiner 1. WM in Strbske Pleso/ Slowakei, landete ich sofort auf Platz 3 und habe mich seitdem ständig weiter entwickelt. Bei diesen Meisterschaften starten Profis und Amateure zusammen auf den gleichen Strecken., nur sind die einzelnen Parts unterschiedlich lang.  Ich lernte damals einige Athleten der italienischen Nationalmannschaft kennen, die zu dieser Zeit neben den Norwegern die Weltspitze beherrschten. Mit den Italienern verbindet mich bis heute eine enge Freundschaft und ich konnte in gemeinsamen Trainingslagern viel von ihnen lernen. Die Wettkämpfe finden in attraktiven Skigebieten statt, so daß Wintertriathlon für mich auch als Wintersportler immer wieder eine neue Herausforderung ist.

Frage:

In der Rangliste sind Sie mit 23 Starts, 15 Podiumsplätzen und 4 Siegen bei Internationalen und nationalen Medaillen der erfolgreichste Wintertriathlet aus den neuen Bundesländern. Was hat Sie dazu bewogen, nach Andorra zu reisen, während Corona die ganze Welt beherrscht?

Engert:

Ende 2020 wurden von der ITU und der ETU die Termine für WM und EM bekannt gegeben. Ich befand mich in einem ständigen Gefühlswechsel zwischen starten und nicht starten. Gespräche mit mir befreundeten Sportlern und meinem Trainer halfen mir nicht weiter. Am Ende rieten mir alle ab, weil zu gefährlich und wird sowieso nicht stattfinden. Denn Andorra war da schon zum Hochrisikogebiet erklärt worden. Um für einen Wintertriathlon die richtige Performance zu erreichen, sind erfahrungsgemäß für mich 4 Monate intensives Training notwendig. Nachdem ich mich für die beiden Rennen der EM und WM letztendlich doch entschieden hatte, begann ich mit dem Training, verfolgte die Corona Situation und hoffte als unverbesserlicher Optimist auf eine Entspannung 2021. Das Gegenteil war aber der Fall und fast alle großen Wettkämpfe wurden abgesagt oder verschoben. Die Termine lagen für die EM in den rumänischen Karpaten Anfang Februar und für die WM in Andorra  Ende März  aber fest. Ich habe die Nordische SKI-WM in Obersdorf verfolgt, und bin der Meinung, daß Wintersport unter Einhaltung aller geltenden Vorschriften relativ sicher ist. Neue Fragezeichen tauchten auf, als der Termin zur EM abgesagt und neu auf das Wochenende vor der WM gesetzt wurde. Aber auch dieser Termin war bald hinfällig und steht jetzt am 4. Advent 2021 zur Debatte. Jetzt blieb nur noch Andorra mit der Aussicht, vielleicht das erste und letzte Rennen in diesem Jahr zu sein.

Frage:

Wie haben Sie sich auf dieses Event vorbereitet?

Engert:

2018 konnte ich noch die gesamte X Terra German Tour im Cross Triathlon in meiner Altersklasse gewinnen. Die Wettkampfsaison 2020 war für mich im März vorbei. Ich habe 4 Wettkämpfe bestritten (WM und EM im Wintertriathlon, Norddeutsche Leichtathletik-Meisterschaften der Senioren in der Halle und den 1. und auch letzten Lauf im EMB-Cup beim Hennigsdorfer Frühjahrs-Cross. Auf meinem Terminkalender hatte ich noch einige hochkarätige internationale Veranstaltungen, die alle nach und nach abgesagt wurden oder auf 2021 verschoben wurden.  Bei Stahl Hennigsdorf war ein Training nur stückweise möglich und bald gar nicht mehr. Mir fehlten die Aufbauwettkämpfe wie EMB-Cup, Brandenburg-Cup und Sparkassen-Cap. Und vor allen der Kontakt und das Training mit meinen Sportkameraden aus der Leichtathletik und vom Triathlon. Um überhaupt ein Ziel vor Augen zu haben und mich zu einem harten Training zu motivieren, begann ich mit dem Training im Oktober 2020. Zunächst Laufen und Mountainbiken rund um Hennigsdorf und in den Bergen der Hermsdorfer Forstes, die ich schon von vielen Crossläufen vergangener Zeiten kannte und die ein ideales Trainingsgebiet sind. Als es dann Winter wurde mit sicherer Schneelage in unseren Mittegebirgen, bremste mich der ständige Lockdown mit seinen Reisebeschränkungen aus um dort auf Schnee zu kommen. Ich stieg auf Skiroller um. Nicht optimal, aber zu mindestens kann man Bewegungsabläufe simulieren. Und dann kam auch hier Mitte Februar der langersehnte Schnee. Genau 10 Tage hielt die weiße Pracht, ehe alles wieder verschwand. Ich konnte somit etwa 250 km auf Schnee auf dem Tegler See, im Wald und auf dem Kanal abspulen, um erstmal wieder das Schneegefühl mit dem Ski zu haben. Das mußte reichen. Auf die Höhenlage von über 2 000 m konnte ich mich allerdings nicht vorbereiten.

Frage.

Für die 3 unterschiedlichen Sportarten im Wintertriathlon benötigen Sie eine umfangreiche Ausrüstung.  Sie reisten mit dem Flieger an. Wie organisierten Sie Ihren Gepäcktransport?

Engert:

Ich war bisher schon 2 mal mit dem Flugzeug unterwegs. 2006 zur WM in Norwegen und nochmal 2010 zur EM und WM ebenfalls in Norwegen. Da das logistisch  sehr aufwendig war, habe ich mich damals schon entschlossen, nur noch dort zu starten, wo ich in Mitteleuropa mit meinem Auto auch selber hinfahren kann. Auch nach Andorra hätte ich mir das zugetraut. Doch dann kam alles ganz anders. Die EM in Rumänien wurde kurzfristig abgesagt und verschoben auf eine Woche vor der WM. Aufgrund der großen Entfernung der beiden Wettkampforte (fast 3000km) war das nicht mit dem Auto zu machen. Also mußte ich auch nach Rumänien fliegen. Nach dem ich  Flug und Hotel gebucht hatte, kam aber die erneute Absage. Also volle Konzentration auf Andorra.  Um mein gesamtes Equipment zu transportieren, mußte ich mich auf das nötigste beschränken. Rad mit verschiedenen Pedalen, Reifen für unterschiedliche Bodenbeschaffenheiten, Werkzeug, 2 Paar Skatingski mit Ersatzstöcken, Wachskoffer, Einbrenneisen und unterschiedliche Laufschuhe. Dazu noch Steigeisen, Warmup Sachen, Rennanzüge, Helm und verschiedene Handschuhe. Nach vorheriger Absprache mit der Lufthansa wurde mir zugesichert, daß ich einen Skisack und einen Radkoffer zu je 20 kg haben durfte und dazu noch das Handgepäck mit 8kg Gewicht. Da mußte ich mir genau überlegen, was ich mitnehme. Einiges blieb zu Hause. Da Andorra keinen Flugplatz hat, flog ich über bis Barcelona. Auf dem Hinflug mußte ich in Frankfurt umsteigen und zurück in München. Mit dem Gepäck Hochleistungssport. Von Barcelona aus habe ich mich dann mit anderen Athleten zusammengetan aus Westphalen und wir haben einen Transporter gemietet. Denn bis La Vella, der Hauptstatt von Andorra waren es über 200 km durch Spanien. Dort standen die Hotels. Von da aus waren es aber nochmal 25 km in steilen Serpentinen zum Wettkampfort auf über 2000m Meereshöhe. Da mußte ich jeden Tag hin, zum Training und anderen organisatorischen Maßnahmen.  Das klappte aber bestens, da mich ein italienischer Sportfreund in seinem Privatauto mitnehmen konnte.

Frage:

Welche Bedingungen und Vorschriften waren für Sie relevant, um überhaupt an der WM teilzunehmen?

Engert:

Zunächst laufen alle internationalen Wettkämpfe im Triathlon über die DTU. Die steht mit dem Veranstalter in ständigen Kontakt und gibt die Informationen an die Athleten der Deutschen Nationalmannschaft weiter. Der Veranstalter hat eine eigene Webseite, wo alles zu erfahren ist, was den eigentlichen Wettkampf betrifft. Wegen Corona gab es im Vorfeld immer wieder Neuigkeiten, die oft erst im letzten Moment bei mir ankamen und sich auch änderten. Die Lufthansa hatte ebenfalls ihr eigenes Konzept. Nötig war ein Einladungsbrief vom Veranstalter, eine Einreisebestätigung, ein negativer PCR-Test und eine ärztliche Bescheinigung. Am Ende hatte ich einen Hefter voll Formulare. Der Test durfte aber nicht älter sein als 72 Stunden für deutsche Starter. Ich hörte von einem Testzentrum in Oranienburg im ehemaligen Armeegelände, fuhr hin und hatte eine zusätzliche Trainingseinheit mit dem Rad. Es war aber umsonst. Den Test bekam ich aber dann in Hennigsdorf in einem Labor. Die ärztliche Bescheinigung, die nochmals unterstreichen sollte, daß ich negativ und sowohl körperlich als auch mental für einen Start vorbereitet bin, bekam ich nicht. Obwohl ich 6 verschiedene Ärzte konsultierte, erhielt ich überall die gleiche Ansage: „Wir kennen Sie doch überhaupt nicht…“. Also fuhr ich ohne dieses Papier. Ich hatte Glück, es wurde auch nirgendwo verlangt. In Andorra erfolgte dann noch ein weiterer Test, den aber der Veranstalter übernahm. Erst bei negativem Ergebnis wurde das Rennpacket mit Startnummer usw. überreicht. Kurz vor dem eigentlichen Start nach dem Warm up wurde Fieber gemessen. Die Körpertemperatur durfte 37,5 Grad nicht übersteigen.

Frage:

Sie waren schon in viele Hochgebirgsregionen in Europa am Start. Wie kamen Sie in den Pyrenäen zurecht?

Engert:

Die Pyrenäen waren für mich Neuland und ich hatte nur Informationen aus dem Internet. Andorra liegt in den östlichen Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien und gehört mit 77000 Einwohnern und einer Gesamtfläche von 468 Quadratkilometern zu den 6 Zwergenstaaten in Europa. Zu den wichtigsten Wirtschaftsfaktoren gehören Tourismus und Wintersport mit vielen Kilometern Langlaufloipen und alpinen Abfahrtshängen. Das Land ist sehr gebirgig. Höchster Gipfel ist der Como Pedrosa mit 2942 m Meereshöhe. Ich war angenehm überrascht von der Schönheit und der rauhen und wilden Zerklüftung der Bergwelt. Aber auch das Straßennetz war perfekt ausgebaut und in den Städten sowie Anlagen und Hotels herrschte peinlichste Sauberkeit. Einzig und allein die Höhe bereitete mir Probleme. Meinen letzten EM-Titel gewann ich in Sizilien am Vulkan Äthna. Da ging es auf 1700m Höhe. Doch hier spielte sich alles nochmal 400m höher ab. Und da merkte ich schon beim ersten Streckentraining, daß es hier schwer wird. Ich habe früher schon auf Höhenloipen auf den Gletschern in Österreich trainiert, aber dort habe ich mich langsam stufenweise akklimatisiert. Hier gab es nur Fliegen, Starten und wieder zurück. Hinzu kam hier noch ein ständig stark blasender Wind aus den Tälern mit teilweise orkanartigen Böen. Die Temperaturen lagen im ertragbaren Minusbereich, fühlten sich aber durch den Starkwind wesentlich kälter an. Um hier nicht total auszukühlen, war richtige Kleidung oberstes Gebot.

Frage:

Welche Einschränkungen gab es für sie als Sportler?

Engert:

Zunächst mußten wir als auch die Funktionäre, Kampfrichter, Einweiser und sonstige Helfer generell und überall eine Maske tragen. Das war auch Pflicht für die Einheimischen, die sich strickt und konsequent daran hielten. Sobald die Maske von der Nase mal nach unten rutschte wurde man sofort freundlich darauf hingewiesen, das zu ändern. Für mich als Brillenträger war das eine gewaltige Sichteinschränkung, da durch die Kälte die Brillengläser beschlugen und dann sofort gefroren. Andererseits war auch die persönliche Isolierung ein Problem. Denn ich katte kaum Kontakte. Alleine im Hotelzimmer und am Frühstückstisch. Es war ein Geisterrennen. Keine Zuschauer an der Strecke und im Zielgelände. Die Siegerehrung dauerte ewig, da nur die Medaillengewinner zugelassen wurden. Das Siegerpodest war weit auseinander gezogen und die Medaillen mußte sich jeder selber umhängen. Es gab keine Interviews und keine Fotografen. Im Interesse der Gesundheit sind wir aber alle damit klar  gekommen.

Frage:

Wie waren Sie mit den einzelnen Strecken zufrieden?

Engert:

Alles spielte sich in dem Park Naturlandia 2000 auf über 2000 m Meereshöhe ab. Die Streckenpläne waren vorher im Internet einzusehen mit der Maßgabe, daß der Veranstalter nach eigenem Ermessen, abhängig vom Wetter und der Schneesituation jederzeit Änderungen beschließen kann. Da in diesem Jahr sehr wenig Schnee lag, ( voriges Jahr über 2 Meter) war eine Woche vorher schon die Rede von einem Duathlon. Aber einige Athleten, die schon lange vorher da waren, setzten sich dafür ein, daß Schnee rangeschafft werden sollte.

Ich habe alle Passagen vorher abgefahren und abgelaufen. Die Laufstrecke begann mit einer leicht abfallenden Wiese am Start auf Schnee und Grasboden. Anschließend kam ein langer Anstieg auf Beton und Waldboden mit steinigem Untergrund. Die Radstrecke führte über eine lange steile Abfahrt hinunter ins Tal. Da der Schnee gefroren war, konnten dort hohe Geschwindigkeiten gefahren werden. Aber der Weg lag teilweise schräg zum Hang und das Rad triftete immer wieder zum Abgrund. Zurück ging es dann wieder in Serpentinen aufwärts. Die Skistrecke lag nochmal eine Etage höher. Wie man aber dahin kommen sollte war bis dato völlig unklar. Da das Briefing online und auf englisch ablief, konnte man keine Fragen stellen. Erst am Abend vor dem Start wurde ein weiteres Briefing abgehalten, bei dem ich dann persönlich anwesend war. Hier wurde dann erklärt, daß nach dem Radwechsel jeder machen kann, was er will. Fakt war nur, daß vom Wechselgarten zur Skistrecke eine Entfernung von mindestens 600m Länge und einem Höhenunterschied von 100 Metern überwunden werden mußte. Wie er dahin kam, mit Laufschuhen, Radschuhen oder gleich Skischuhen, war jedem selber überlassen. Das war schon fast ein Quadralon. Der Skikurs an sich war ein sehr technisch selektierter Kurs mit langen schnellen Abfahrten, kurzen Anstiegen und schnellen Gleitpassagen. Nur die Abfahrt ins Zielgelände war der Wermutstropfen. Da kein Schnee vorhanden war, wurde er mit schwerer Technik angefahren und dann mit der Pistenmaschine glatt gewalzt. Dieser Part war etwa 600 m lang, steil und kurvig und nur 3 Meter breit. Rechts und links Bäume, Felsen und Steine. Wer da rausgetragen wurde, landete unsanft irgendwo. Einige Baumstämme waren zur Sicherheit mit Plastiksäcken gepolstert. Bei den Frauen in der Profi Liga gab es einen schweren Unfall an dieser Stelle. Ich hatte die Vorahnung, daß hier eine Entscheidung des Rennens erfolgen könnte, wenn die Aktiven dicht auf einander folgten.  Somit habe diesen Part mehrmals abgefahren, um zu sehen, wo ich umtreten muß und ob ich außen oder innen in die Kurven gehe. Wenn alles so bleiben würde war ich zuversichtlich, daß ich gut durchkommen könnte.

Frage:

Wie verlief für Sie das Rennen?

Engert:

Der Start wurde zum Desaster. Wir durften schon mal nicht mit dem Auto bis hochfahren und wurden viel weiter unten aufgefordert in einen Bus umzusteigen. Es mußte alles umgepackt werden. Es gab einen Zeitplan. Danach habe ich mich nach dem Einchecken gerichtet und mit dem Aufwärmen begonnen, denn es war in den Morgenstunden lausig kalt. Dann kamen immer wieder Nachrichten, daß sich der Start verschiebt und wo überhaupt der Vorstart stattfinden sollte. Ich habe mich die ganze Zeit bewegt, um nicht auszukühlen. Vor dem Einchecken wollte mir noch der Chefwachser der rumänischen Biathlonnationalmannschaft meine Ski wachsen. Der war schon ganz früh auf den Beinen und hat Testfahrten durchgeführt. Den traf ich dann durch Zufall beim Warmlaufen. Der drückte mir dann schnell eine Spraydose und ein Pad in die Hand, womit ich selber wachsen sollte. Die Ski lagen aber schon im Wechselgarten und der war geschlossen. Zum Glück hatte ich selber für das Training gewachst, aber der Schnee war kälter und es lief nicht optimal. Endlich wurde zum Start aufgerufen. Wieder alle in den Wechselraum und die Wärmesachen ausziehen, weil die Kampfrichter die Startnummer sehen wollten. Gestartet wurde in Vierergruppen mit 1,5 m Abstand und alle 30 Sekunden. Kurz vorher wurde die Maske in eine Tonne neben der Startlinie geworfen. Durch diese Konstellation hatte ich mit dem Esten Anti Oat einen neu in meine Altersklasse gekommenen Athleten vor mir, der es schon auf 6 internationale Medaillen gebracht hatte und 2018 in Rumänien Weltmeister wurde. Unmittelbar neben mir Peter Grünebach aus Oberbayern, der schon mit einer Flut von Erfolgen, auch im Sommer aufwarten konnte. Deshalb war mein Plan, schnell starten, zu Oat ran laufen und zu Grünebach einen kleinen Vorsprung für die Radstrecke sichern, denn da war der bisher immer stark. Das ging auch gut bis ich zu Oat schon Blickkontakt hatte. Aber plötzlich war die Luft raus an dem ersten langen Anstieg. Die ungewohnte Höhe forderte ihren Tribut. Ich mußte gehen und büßte dadurch viel Zeit ein.

Erst in der 2. Runde lief es wieder und ich fand meinen Rhythmus. Als ich von oben in den Zielgarten rannte, lag ich auf Platz 3. Der Wind hatte den Kinnriemen verdreht und es dauerte, ehe ich den Helm auf dem Kopf hatte. Die Radstrecke sah jetzt ganz anders aus als im Training. Ausgewühlter weicher Schnee und tiefe Reifenspuren machten die Abfahrt zu einem Balanceakt. Erst in der 2. Runde hatte ich mich gewöhnt und es lief besser.

Jetzt der spektakuläre Wechsel  auf die Ski. Rechte Hand Ski und Stöcke, linke Hand den Beutel mit den Skischuhen und damit den langen Anstieg hinaufrennen. Oben lag der blaue Teppich wo Schuhe und Ski angezogen wurden. Aber durch den Transport hatten sich die Hilfen, mit denen ich vorher die Schuhe präpariert hatte, verändert und es dauerte wieder zu lange, ehe ich in den Schuhen war. Auf den beiden Skirunden kam ich gut voran und konnte meine technischen Voraussetzungen gut umsetzen. Ich kam auch gut durch die rasante Zieleinfahrt und war gespannt auf das Ergebnis. Obwohl ich die Zweitbeste Skizeit hatte, fehlten mir am Ende immer noch 70 Sekunden zur Silbermedaille. Das habe ich mir aber selber zuzuschreiben, da ich nach dem Laufen so genervt war, daß ich im Wechselgarten gleich mit den Ski los bin. Erst nach 200 m sagte mir ein Kampfrichter: Du mußt erstmal Rad fahren…..Dadurch habe ich weit mehr als 70 Sekunden verloren.

Frage:

Herzliche Glückwünsche zur Bronzemedaille.

Wie schaffen Sie es als Flachländer ohne Schnee und Berge gegen ihre Konkurrenten aus den Alpenländern und Skandinavien gerade auf dem Ski mitzuhalten?

Engert:

Den Skisport habe ich schon als Kind zu meinen liebsten Sportarten  gezählt. Da ich gebürtiger Sachse bin hatten wir früher jedes Jahr Schnee und ich war bei vielen Kreis- und Bezirksmeisterschaften mit dabei. Bei den Berliner Bären habe ich dann nach der Wende einen Skiclub gefunden mit dem ich auch zu den Nordischen Seniorenweltmeistermeisterschaften gefahren bin. Ich hatte einmalige Erlebnisse beim Wasalauf in Schweden und beim Engadiner Skimarathon in der Schweiz.  Damals fuhr ich nur den klassischen Stil. Als dann Skating immer populärer wurde, habe ich umgestellt. Für mich war das entlastender und auch wesentlich schneller. Vielleicht habe ich dazu auch die richtigen Körperproportionen. Da der Job eines Skilehrers für mich ein Traumberuf war, habe ich mich in einer Ausbildung im nordischen und alpinen Bereich unterzogen. Aus dem Skilehrer ist nichts geworden, aber was ich dabei gelernt habe kann ich heute noch verwenden. Da ich die technischen Grundlagen beherrsche, muß ich mir nur immer wieder die nötige Kraft und Ausdauer antrainieren, um diese auch umzusetzen.

Frage:

Wintertriathlon ist eine doch sehr aufwendige und komplexe Sportart, an die sich deshalb selbst gute Triathleten nicht ran getrauen. Haben Sie schon mal ans Aufhören gedacht?

Engert:

Ich habe es schon versucht, einige talentierte Athleten aus meinem Verein zu gewinnen. Dann verteilt sich vieles auf breite Schultern. Bisher aber ohne Erfolg. Es scheitert meistens am Skilauf.

 In den Altersklassen gibt es einen stetigen Wandlungsprozeß, der bis ins hohe Alter anhält. War 2005 bei meinem ersten Start der älteste Teilnehmer noch 70 Jahre, so gibt es heute die dieser Kategorie weltweit mindesten 30 Athleten auf allerhöchstem Niveau. Und das zieht sich hin bis zur AK M 85. Da gab es in Andorra aber nur noch einen Starter und der ist schon jahrelang dabei.

Solange ich es für mich verantworten kann, werde ich auch weiterhin diese Sportart bevorzugen. Besonders beim Skilauf werden alle Muskelgruppen vom Hals bis zum Zeh ständig gefordert und das ist auch die Grundlage für viele andere Disziplinen. Denn im Sommer liegt mein Schwerpunkt in der Leichtathletik. Ich bin da sehr vielseitig, denn der Höhepunkt ist die WM im Ultra-Mehrkampf, wo alle olympischen Leichtathletikdisziplinen an einem oder an zwei Tagen absolviert werden. Da ich mich außerdem noch intensiv mit der Kleintierzucht beschäftige, habe ich tagein tagaus eine Komplexität an Bewegungen und Belastungen, die mir für den Sport sehr dienlich sind.  So lange wie ich das alles noch drauf  habe, ist Aufhöhren für mich kein Thema. Die Zeit wird es von selber bringen.

Frage:

Was ist Ihr Fazit aus dieser doch sehr außergewöhnlichen Weltmeisterschaft?

Engert:

Trotz aller Schwierigkeiten, die ich bewältigen mußte, ziehe ich ein positives Fazit. Damit stehe ich nicht allein. Wir waren alle froh, ein solches Ereignis erlebt zu haben dürfen. Die Unannehmlichkeiten werde ich zwar nicht vergessen, aber es hat mir gezeigt, daß Sport auch unter Corona möglich ist, wenn die entsprechenden Hygienemaßnahmen auch umgesetzt werden. Ich hoffe nur, daß es bald ein Umdenken in der Politik gibt und die unzähligen Freizeitsportler bald wieder ihrem Hobby nachgehen können. Wenn es auch in veränderter Form nicht mehr so wie früher stattfinden wird. Doch ist unumstritten, daß Bewegung wie auch immer ein wichtiger Baustein für die Gesunderhaltung ist und damit das Immunsystem stärkt die Lebensqualität wesentlich erhöht.

Frage:

Was sind Ihre sportlichen Pläne für die Zukunft?

Engert:

Momentan ist alles ungewiss. Ich hatte die Langstrecken WM in Zofingen/Schweiz und den Ötzi Alpinmarathon im Visier, aber es alles verschoben in den Herbst oder auf nächstes Jahr verlegt. Auch die Rennen in der Region werden wohl nicht stattfinden. Noch hoffe ich, daß es die Landesmeisterschaft im Cross Duathlon in den Rauener Bergen bei Fürstenwalde geben wird. Ich werde deshalb weiterhin trainieren. Wenn es wieder Wettkämpfe geben wird, bin ich dafür vorbereitet. Wenn nicht, habe ich nichts falsch gemacht und meine Fitness gehalten.

Schlußwort:

Ich danke Ihnen für das offene und aufschlussreiche Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin Gesundheit und gutes Gelingen für Ihre Pläne

Ergebnisse Wintertriathlon 2021 Altersklasse 70-74